4.9 Literarische Werke - grammatisch analysiert

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Eine unscheinbare, letzte Rubrik in der Alternativ-Grammatik, zudem erst spät - 2012 - eingerichtet. Aber sie ist gut vorbereitet und als Abschluss wichtig:

  1. Sie macht ernst mit der These, dass ganze Texte/literarische Werke grammatisch interpretiert werden können/sollen, d.h. mit den selben Begriffen und Ebenen, die schon zur Beschreibung einzelner Äußerungen dienen - Syntax - Semantik - Pragmatik.
  2. Hinter Ziff. 4.8 ("Josefsgeschichte") steht eine praktische Erprobung, die sich in 2 Sammelbänden (mit 5 Teilbänden) und einer Internetveröffentlichung von bald 4000 Seiten niedergeschlagen hat - dieser Hinweis aber nur um anzuzeigen: was jetzt im Kleinen angestrebt wird, kann auch exzessiv in großem Stil angepackt werden ;-)

Es geht jetzt darum, Einzelbeschreibungen literarischer Werke anzubieten, und dabei möglichst auch anzudeuten, welcher Grammatikbereich der vorangegangenen Alternativ-Grammatik dadurch aktiviert wird. - Es genügt zunächst, zu einem Werk Beobachtung für Beobachtung zu addieren, so dass sich erst allmählich ein Gesamteindruck bildet.

Der Übersichtlichkeit halber wird unter 0.0 ein Raster angeboten, das für jedes neue Werk übernommen werden kann, aber nicht muss. Teilbeschreibungen sollten/können an passender Stelle eingefügt werden.

Was bislang an Texten genannt ist - teilweise mit ersten Interpretationshinweisen, teilweise noch ganz ohne -, kann von verschiedenen Nutzern der Alternativ-Grammatik sukzessive erweitert werden! - Dies hier ist kein Selbstbedienungsladen, sondern eine Mitmachwerkstatt!


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Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0.0 (Autor), (Werk)

0.1 Ausdrucksebene 4.0 (Ausdrucks-) SYNTAX, konsequente Abstrahierung vom Bedeutungswissen

0.2 Wortbedeutung auf Satzebene: 4.02 Bedeutung / SEMANTIK

0.3 Gemeinte Bedeutung auf Textebene: 4.11 PRAGMATIK - literarischer Kontext / Situations-Ko-Text

1. Franz Kafka, Der Prozess

1.1 Ausdrucksebene 4.0 (Ausdrucks-) SYNTAX, konsequente Abstrahierung vom Bedeutungswissen

Im Modul 0.12, Ziff. 1.2 - vgl. 0.12 Bereitstellung langer Texte - sind einige statistische Befunde zusammengestellt, die nur an der Ausdrucksseite gewonnen wurden. Sie repräsentieren auffallende Ergebnisse auf der sinnlich erfahrbaren Seite des Textes. Da Leser vorrangig nach 'Bedeutungen' trachten, laufen sie Gefahr, die Lese(r)steuerungen durch die gestaltete Ausdrucksseite zu übersehen. In solchen Fällen wirkt die Steuerung allenfalls noch unbewusst. - Um auch diese Seite ans Licht der Vernunft und Analyse zu heben, werden wir immer wieder - zunächst sicher noch unvollständig - auf diese Analysebefunde verweisen.


Unter 4.012 Feste Wortketten / Zitate / Anspielungen / Kollokationen / Idiome wird auf unser im Internet erreichbares Programm CoMOn hingewiesen. Dort ist inzwischen auch der Kafka-Roman verfügbar. Jede/r kann - zu welchem Textabschnitt auch immer - eine Suche starten um zu sehen, welche Wortketten im restlichen Text noch vorkommen bzw. welche Passagen des Suchtextes völlig kreativ - auf der Ebene der Wortketten - formuliert sind.

Gibt man die letzten 3 Absätze (156-158 in Kapitel 10) ein (Mindestlänge 3), verblüfft das Ergebnis, weil es dem 'Naturgesetz' widerspricht, wonach ein Autor etwa nach dem ersten Drittel seines Textes die meisten Wortketten eingeführt hat, von denen er bei den nächsten zwei Dritteln 'zehrt'. Es gibt zwar häufige Befunde: "in der Nähe", "auf und ab" (je 11x), ansonsten für das Schlusskapitel weitgehend Einmal-Belege außerhalb oder dominierend Ketten, die überhaupt keine Analogie im restlichen Text aufweisen. Die geballten Fragen in 157.18ff sind ein gutes, aber beileibe nicht das einzige Beispiel dafür.

Das heißt: Allein schon durch seine Wortwahl und -verkettung - noch unabhängig davon, was inhaltlich gesagt wird -, mobilisiert der Autor zum Schluss hin die Aufmerksamkeit der Leser. Der Text endet nicht in inzwischen wohlbekanntem Sprachsound, sondern aktiviert nochmals kräftig. Der Sprach"ton" ist also gegenläufig zum Schicksal des Protagonisten K.

1.2 Wortbedeutung auf Satzebene: 4.02 Bedeutung / SEMANTIK

1.3 Gemeinte Bedeutung auf Textebene: 4.11 PRAGMATIK - literarischer Kontext / Situations-Ko-Text

1.3.1 Kein Verhandlungsinhalt, kein Thema

In Ziff. 1.3 von 4.1116 Aktanten realisiert durch Äusserungseinheiten werden mehrere Passagen zitiert, aus denen hervorgeht, dass der Prozess ohne Inhalt abläuft, nichts dergleichen wird dem Angeklagten mitgeteilt. Stattdessen wird er als Person weiterhin beobachtet. Personalisierung statt kritische Würdigung von Taten - wofür allein das Gericht zuständig wäre.

Das heißt zugleich: der juristischen Kommunikation fehlt ein Thema, vgl. 4.42 Einheitliches Thema (Isotopien)

Aus diesem Punkt resultiert - den ganzen Roman durchziehend - eine starke stilistische Störung / Irritation, die auf der Ebene der 'gemeinten Bedeutung' verbietet, weiterhin in juristischen Kategorien zu denken, vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung und 4.1131 Übertragener Sprachgebrauch - operationalisiert. Die juristische Szenerie entpuppt sich auf der Ebene der 'Wortbedeutung' als Vehikel, als Bild- und Spielmaterial. Für das, was damit gemeint ist, gibt der Text durchaus Hinweise: Es geht um Prozesse in einer Person.

1.3.2 Kollektiver, anonymer Gegner, kein Dialogpartner

In 4.21 Eigenprofil der Akteure unter Ziff. 4.1 wird erläutert, dass K. als Kommunikations-Partner - vgl. 4.02421 (Numerus /) Determination - allenfalls eine lächerliche, gefährliche, eigentlich nicht ernstzunehmende Clique hat. Meist ist es im Roman aber so, dass K. nicht weiß, mit dem er es genau zu tun hat. "Gericht" wägt nicht ab, sondern ist auf Schuldspruch festgelegt. - In Kapitel 7: [1] liefert der Maler Titorelli Charakterisierungen von Richtern und Gericht: vgl. Ziff. 101.49ff; 107.35ff; 110.121ff; 113.2-15 - und jeweils umgebende Sätze.

Aus "Mitleid" erkennt in Kap 2 (Ziff. 39.4) K. das Gericht an. Es hat seine Unfähigkeit bewiesen. Schon der Ermittlungsbeamte war eine "Darstellung des stumpfsinigsten Hochumuts" gewesen, vgl. Ziff. 45.18 in [[2]].

Starke negative Bewertung des Gerichts durch Beschreibung der Lokalität, wo es zu arbeiten pflegt: 4.1136 Sprachbild - Poesie - Hilfe durch den Kontext, darin Ziff. 5.1.

1.3.3 "Advokat" kein Rechtsbeistand

In 4.21 Eigenprofil der Akteure unter Ziff. 3.2 wird erläutert, dass K. bei der Suche nach juristischer Unterstützung "aufläuft", alleingelassen bleibt.

Der Advokat war K. vom Onkel aufgedrängt worden: 4.22 Vernetzung der Akteure: Wer mit wem?. Dabei war K. zeitweise die Handlungsinitiative genommen worden.

Der Advokat ist keiner, weil er nicht fragt. Vgl. - aus Modul 0.12 - Kapitel 7: [3], Ziff. 89.7. Nicht juristisches Handwerk, sondern "persönliche Beziehungen" seien wichtig, vgl. 92.4. Da K. von dieser Seite her keine Hilfe bekommen kann (vgl. bis 89.90), will er sich ohne Rechtsbeistand durchschlagen, vgl. 94.12; 99.3-14.

Kapitel 8: [4]: K. vollzieht die Kündigung. Am Beispiel des Angeklagten Block erfährt K. zusätzlich, dass das einzige Interesse des Advokaten darin besteht, die Klienten von sich abhängig zu machen und den Prozess lange zu verschleppen.

Auch eine Vielzahl von Advokaten hilft nicht weiter: 4.33 Denkschema: Quantität = Qualität Ziff. 2.1.

1.3.4 Verschiedene Wahrnehmungen

Unter 4.1133 Metaphern für Wissen / Wahrnehmung/2, Ziff. 3.2, wird ein Abschnitt zitiert, der dramatisch vollkommen verschiedene Wahrnehmungsweisen zeichnet. Auf dieser Basis ist keine inhaltliche Auseinandersetzung möglich, sondern nur ein belangloser, notdürftiger Austausch.

1.3.5 Hinweise zur Übertragenen Bedeutung

Unter 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung, Ziff. 2.7, sind zwei Textstellen genannt, in denen der Autor selbst Entschlüsselungshinweise gibt: Nicht Jura ist angesagt, sondern Erkundung des eigenen Lebens, also Psychologie.

Zweiter Hinweis, dass es nicht um Rechtsprechung gehen kann - obwohl der gesamte Roman dies im Wortsinn weitgehend behauptet: 4.13 Abstrakta, Ziff. 0.4, zeigt in bildhafter Form, dass das zugrundeliegende Rechtsdenken inakzeptabel ist. Auch das eine Aufforderung, den Sinn des ganzen Textes außerhalb des Rechtsdenkens zu suchen.

Dritter Hinweis: Ende von Kap. 2 - vgl. [5] - gibt K. selbst die Deutung, wonach es nicht um ordentliches Gerichtsverfahren geht, sondern um einen "Anschlag" (Ziff. 45.22). Er deckt auch auf, dass die vermeintlichen Zuhörer der Versammlung selbst "Beamte" sind (51.21). D.h. sein Versuch, in seiner Angelegenheit Öffentlichkeit herzustellen, verpufft. Er findet sich in einer Falle wieder - nicht in einem geordneten Verfahren.

1.3.6 Nicht "Recht", sondern "Verbot"

Die "Türhüter"-Episode bewegt sich zwar im juristischen Sprachspiel, aber inkonsequent. Auch sie bringt den Gedanken an ein "Verbot durch eine machtvolle Instanz" in den Blick: vgl. 4.1136 Sprachbild - Poesie - Hilfe durch den Kontext Ziff. 4.1

In gleichem Sinn: 4.08 Modalitäten – sprachliche Filter/2, Ziff. 7.1.

1.3.7 Einheitliche Isotopie: "Recht, Gericht"

Unter 4.42 Einheitliches Thema (Isotopien) Ziff. 5.1 wird knapp das Fazit gezogen, dass der Roman von der Einheitlichkeit der Bildebene her konsequent durchgeführt ist: Es geht um einen Rechtsfall. Die aber ebenso enthaltenen stilistisch-inhaltlichen Brüche verlangen, für die Schlussauswertung genau diese Isotopie zu verlassen.

Kapitel 3: [6]: die Arbeitsgrundlage = "Gesetzesbücher" sind allerdings von ziemlich merkwürdiger Struktur: 54.20 und 54.83-87. Daneben: Die Anklage ist nicht nur ohne Inhalt, sondern wird als Geheimnis geschützt, oder gar verschlampt. Dies sei dann zwar bedauerlich, aber nicht ganz ohne Berechtigung ...

Vgl. auch - aus Modul 0.12 - Kapitel 7: [7], darin vom Anfang des Kapitels bis Ziff. 89.127, dann wieder 114.1ff - beide Passagen können nur als Satire auf das Gericht gelesen werden. Bündig: 115.26

1.3.8 Tod in mehrfacher Form

Schon im Einzelsatz kann die Existenz des Subjekts problematisch sein, vgl. 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt. Auf die Textebene übertragen - vgl. 4.1137 Existenz, Ort - indirekte Wertungen, Ziff. 1.3 - fällt einem ein, dass laut Ingeborg Bachmann es verschiedene "Todesarten" gibt. "Tod", "Nicht-Mehr-Existenz" betrifft eben nicht nur die Physis, sondern auch negative Wertungen einer Person, das Vergessen, die soziale Aussonderung, Unterdrückung, Rechtlosigkeit. Und man kann die Dringlichkeit dieser Vielschichtigkeit nachbilden, indem - so macht es Kafka - mit dem Bericht vom physischen und vom sozialen Tod zugleich auch der Roman endet. Auf Leser springt damit die ganze Perspektivlosigkeit über. - Sie können sich dann fragen, ob sie diese zulassen wollen, oder nun sensibler für die im Roman entwickelten Gefahren in der eigenen Umwelt sind.

Die später möglicherweise totgeprügelten Wächter - vgl. [8] Ziff. 77.40ff - hatten vor dem physischen Tod auch schon mehrere Formen der Demütigung durchlaufen: schlechte Bezahlung, Gezwungensein zum Stehlen, Kränkung durch Hinweis auf "Zu-Fett-Sein" (weil einer immer das Frühstück von Verhafteten aufisst). Man ist Rädchen in einem durch und durch korrupten und autoritären System.

1.3.9 Anstelle von Vernunft und Transparenz: Geheimnis, Nicht-Wissen

Vgl. Kapitel 7: [9]: Mehrfach der Hinweis, dass nicht Argumente vor dem Gericht zählen, sondern persönliche Beziehungen zu den Richtern (die eigens als "eitel" bezeichnet werden). Folglich sind keine Prognosen zum Ausgang des Verfahrens nötig. Alles ist geheimnisvoll und unzugänglich. "Vererbung" von Erfahrungen allenfalls erlaubt es einem Akteur - "Titorelli" -, pfleglich mit den Richtern umzugehen. Allenfalls Schadensbegrenzungsstrategien haben Aussicht auf Erfolg, vgl. 115.98ff: "scheinbare Freisprechung" (Erfolg bei unteren Instanzen, der aber Verhaftung im Gefolge hat) oder "Verschleppung", bei der die Gerichtsprozeduren ständig wiederholt werden.

Im Wortsinn wieder eine böse Satire auf die Justiz. Zugleich - wegen dieser 'Unmöglichkeiten' - Impuls: Per Dekonstruktion von der "Justiz" abzulassen und zu fragen, was eigentlich - und damit plausibler, vernünftiger - damit beschrieben werden soll. Man könnte denken an seelische Teufelskreise, neurotische Wiederholungszwänge, denen nicht zu entrinnen ist und in denen man sich letztlich aufreibt.

Um das lange Kapitel 7 als Beispiel zu nehmen: In vielfältiger Form wird [4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE] thematisiert, wobei das Nicht-Wissen, die Nicht-Rationalität betont wird. Und da nie ein Anklagepunkt explizit formuliert wird, bleibt eine negative Wertung auf "K." lasten - vgl. [4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE], bei der er keine Chance hat/bekommt, sie rational, mit Chance auf Erfolg zu bearbeiten. Und genau das stellt die Existenz des K. in Frage. Ergänzend zu Ziff, 1.3.8 (s.o.) vgl. 4.1137 Existenz, Ort - indirekte Wertungen.

Chaotisch ist schon die erste Vorladung von K. durch das Gericht - vgl. 4.07 Orientierung in Raum und Zeit.

1.3.10 "Beziehung", die doch oft misslingt

Von (der nötigen) "Beziehung" ist oft die Rede. Sie kommt aber weder zum Gericht zustande. Noch oft auch unter näheren Akteuren: 4.122 Gesprächskontakt - phatisch, darin Ziff. 1.4.

1.3.11 Fazit

Immerhin hat die Jährliche Sommerakademie in Blaubeuren[[10]] im Juli 2012 den Nachweis erbracht, dass eine Gruppe in 1,5 Tagen ein abgerundetes und breit begründetes Ergebnis zur Gemeinten Bedeutung erarbeiten kann - darauf basieren die obigen Zusammenfassungen.


2. Neutestamentliche Sprache

Hier werden zunächst v.a. Beispiele für die jeweilige Gattung in Textform angeboten - und dann Hinweise, welche der Module der Alternativ-Grammatik bei Analyse und Interpretation weiterhelfen.

2.1 Gleichnisse

Schon die Gattungsbezeichnung weist hin auf die Notwendigkeit der Übersetzung. Vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung. Bereits die Unbestimmtheit, die diese Texte kennzeichnet - "es war ein Mann" -, auch die räumlich/zeitliche, ist eine starke Aufforderung an die Leser/Hörer, nur ja nicht beim Wortsinn stehen zu bleiben, sondern sich auf eine Sinnsuche zu begeben. Sie werden es mit einer verrätselten Weisheit zu tun bekommen. Sie verlangt nicht nur eigenes Nachdenken, sondern Austausch mit anderen. Denn die bildhaften Szenerien stehen für allgemein-menschliche, generell antreffbare Situationen und Probleme. Insofern ist für sie auch einschlägig, was hier unter 4.3 Argumentation inkl. Unterpunkten behandelt worden war.

Die 10 törichten und die 10 klugen Jungfrauen: [11]

Das Gleichnis von den Talenten: [12]

Soll man der Einladung zu einem Hochzeitsfest Folge leisten? [13]

2.2 Oster-/Erscheinungsberichte

Entsprechend unserer Vorgehensweise - vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung - müssten in den Kurzerzählungen gut erkennbare Störungen, Irritationen enthalten sein, wenn jemand vertreten wollte: nicht die Wortbedeutung (="Jesus ist leibhaftig vom Tod ins Leben zurückgekehrt"), sondern gemeint sei eine andere, übertragene. Gibt es solche Indizien? - Kursorisch einige Beispiele:

Lk 24,13-35 (Emmaus): Der Text ist ein epistemologisches Drama - 
vgl. 4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE und 
4.1133 Metaphern für Wissen / Wahrnehmung, d.h. in vielen Variationen geht es
darum, wer was weiß/wahrnimmt - oder eben nicht, wer
zu wem spricht. Die anscheinend reale Begegnung mit
dem Auferstandenen, der aber lange nicht erkannt wird,
interessiert nicht wirklich, ist zudem unwahrscheinlich:
der, den man kennt, geht eine lange Strecke des Weges mit,
wird aber nicht erkannt. Der entscheidende Punkt: Erkennen
beim Brotbrechen - das geht auch, wenn sich diese Figur im
gleichen Moment entzieht (noch eine Störung - wie soll sich
das ereignet haben?). - Insofern für die übertragene
Bedeutung ein bewundernswert durchkomponierter Text.
Lk 24,1-12 (Frauen am Grab): Stein vor dem Grab weg-
gewälzt, Leichnam fehlt, "zwei Männer in leuchtenden
Gewändern". Wie soll man sich das vorstellen? Woher
kamen die? Was leuchtete? Spätestens hier wird textlich
der Schalter von der Wortbedeutung ('sachlicher
Bericht') zur übertragenen, mythischen Bedeutung
umgelegt. Mehrfach dann die Negierung jeden krimi-
nalistischen Interesses: "erschraken", "blickten zu
Boden" - Mit dieser Einstellung lässt sich keine
Recherche durchführen. Betonung stattdessen auf
der Sinndeutung des Todes, an die in Worten
erinnert wird. Am Schluss nochmals die Blockierung
des Blicks auf die physischen Bedingungen
("Leinenbinden"): mit dieser Orientierung wird man
dem Geschehen nicht gerecht.
Lk 24,36-42: Eine Figur kommt zu den Jüngern
in Jerusalem - auf geheimnisvolle Weise (1.Störung).
Wiedererkannt wird die Figur nicht. Freundlich ist
sie immerhin ("Friede sei mit euch"). Wieder ein
massives Wahrnehmungs-Problem: Weder Gesichtszüge
noch sonstiges Auftreten kommen bekannt vor.
= textlich ein starkes Verbot, weiterhin die
individuelle Figur des Jesus von Nazaret zu suchen.
Erkennungsmerkmal stattdessen: Wer "Fleisch und
Knochen" hat, oder wer normal mit den Jüngern Fisch
isst. - Anders gesagt: der Auferstandene wird von
jeder menschlichen Figur widergespiegelt.
Mt 28,1-8: 'Erdbeben, Blitz, Engel, Gewand
weiß wie Schnee' - darin die Botschaft: "Er ist
von den Toten auferstanden". Auf die Botschaft -
in sich selbst eine Metapher - kommt es dem Text
zweifellos an. Das geschilderte Ambiente entstammt
der Apokalyptik: Schilderung einer dramatischen
Gegenwelt - himmelweit entfernt von sachlich-realer
Beschreibung.
Joh 20,1-10.11-18: Zweimal heißt es, Maria
von Magdala "wandte sich um". Wie man diese
doppelte Bewegung im Grab verstehen müsse, hat
noch keiner vernünftig erklärt. Literarisch kommt
der Gedanke an "Tanz" auf. Das Grab ist leer -
bis auf die "Leinenbinden", wieder die "Männer in
weißen Gewändern" - all das erzeugt eine ungewöhn-
liche, nicht-alltägliche Situation, beweist aber
noch nichts. Bildhaft wird für gespannte Aufmerk-
samkeit gesorgt. Und worin liegt nun das Wieder-
erkennen des Auferstandenen? - Im Herstellen einer
Kommunikationsbeziehung, vgl.4.122 Gesprächskontakt - phatisch.
Der eine spricht: "Maria!", diese antwortet:
"Rabbuni!" -  Darin ist also der Aufer-
standene lebendig. Eine atemberaubende
Erkenntnis im alten Text!

Impression: Derartige neutestamentliche Texte sind mit ihrer literarischen Raffinesse noch heute geführten dumpfen Debatten um die 'Wirklichkeit' der 'Auferstehung' um Längen voraus. Sie stützen - sobald man sie genauer wahrnimmt - in keiner Weise fundamentalistische Deutungen, sondern regen literarisch an, beleben durch ihre Provokationen, sind als Text schon ein Osterereignis.

2.3 Wunderberichte

Wer bei derartigen Texten nach der 'realen' Möglichkeit fragt, wer mit Hinweisen auf Physik und Medizin u.ä. antwortet, ist schon in die Falle getappt. Er übersieht, dass es sich um Texte, um fiktionale Welten handelt. Folglich sollte man hier besonders ernst nehmen, was im Grund für jede sprachliche Botschaft gilt: Zuerst sehr genau den sprachlichen Befund anschauen!

Dazu rät übrigens auch schon der übliche Begriff "Wunder". Der sagt ja aus, dass man "staunt", eine "überraschende Erkenntnis" hat, "verblüfft" ist. Gewiss, üblicherweise konzentriert man sich dann auf die angegebene Ursache ("Über Wasser wandeln", "Totenerweckung" u.ä.). Aber zunächst deutet der Begriff auf meine Wahrnehmung: da passiert etwas. Was für Veränderung in meinem Geist die Ursache sein könnte, das kann neben Physik, Medizin usw. auch anderes sein - v.a. wenn man - sofern es Indizien gibt - mit "übertragenem Sprachgebrauch" umzugehen versteht. Vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung und Unterpunkte.

Ansonsten steht die 'ultimative' - zumindest gab es bis dahin eine vergleichbar konsequent auf die literarische Ebene ausgerichtete Deutung nicht - Auskunft zum Thema "Wunder" im Kapitel 13 (S. 295ff) in: H. Schweizer, ...deine Sprache verrät dich! Grundkurs Religiosität; Essays zur Sprachkritik. Münster 2002.

Über Wasser wandeln: [14] + [15]

Heilung des blinden Bartimäus: [16]

Totenwerweckung des reichen Lazarus: [17] + [18]


3. Agitation, Demagogie

3.1 Die Rede von Goebbels im Sportpalast

Auszug aus der kriegshetzerischen Rede: [19]

Geschrieben ist die Passage so, dass allein dadurch schon wesentliche Merkmale sichtbar sind. Man kann etwa folgende Haupteffekte herausgreifen:

  1. Überschaubarkeit der Zumutung an die Hörer: Lediglich 10 Punkte sind wichtig. Sie werden durchnummeriert, man weiß also an jeder Stelle, wo man sich befindet. Es droht keine Überforderung. Das wird unterstrichen durch wiederholte Phrasen. Also schon auf Ausdrucksebene viel Gleichheit, nicht ständig Neues. Vgl. 4.0132 Wiederholungen
  2. Die Weltsicht ist klar zweigeteilt: wir hier, Engländer dort; Krieg oder Frieden. Auch dieses binäre Denken, das mit "+/-" auskommt, stellt eine extreme Vereinfachung der Gedanken dar. Keine schwierige Differenzierung wird abverlangt. Vgl. 4.031 Näherbeschreibung – Koordination / Reihung (für die schlichte Gleichung: "A, aber nicht B" = adversativ)
  3. Damit ist die Grundopposition allen Wertens aktiviert: es ist selbstverständlich, dass "Wir" zu den "Guten" gehören. Damit bleibt für den 'Rest der Welt' nur noch die Gegenposition: die "Schlechten". Und das "Schlechte in der Welt" muss man bekämpfen - so die implizierte Logik, die von allen verstanden wird. Vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. Damit ist das Denkmuster jedes Krimis wachgerufen: 4.332 Einer gegen den Rest der Welt.
  4. Bekämpfen am besten radikal: mit Stumpf und Stiel ausrotten. Wer wollte schon einen Rest des "Bösen" übriglassen wollen? Damit wird auf demagogischer Ebene die Frage von Existenz/Nicht-Existenz aufgeworfen. Vgl.4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt - die gleiche Denkweise wie in der Semantik, nun aber - in der Pragmatik - im Sinn von blutigem Ernst: wer darf/soll leben, wer jedoch nicht?
  5. Die vielfachen gedanklichen Vereinfachungen sind zusammen mit der direkten Anrede der Zuhörer - "Ihr/Euch" - und dem theatralisch-aufgewühlten Ton ein sehr starkes "phatisches" Signal, d.h. Hörer in Massen fühlen sich angesprochen. Vgl. 4.122 Gesprächskontakt - phatisch. "Massen" benötigt das Regime für die geplante Kriegsführung. - Die Rede ist kein Beitrag zur feinsinnigen Problemklärung.
  6. Folglich wird nicht nur am Schluss explizit die Bereitschaft zum Krieg abgefragt; die ganze Argumentation zuvor hat schon Befehlscharakter: Indirekt werden die Hörer in eine Situation gezwungen, in der ihnen der 'Krieg gegen die Feinde' als der einzig logische Weg erscheint. Zu dieser Art von "Imperativ" vgl. 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE.
  7. Die Rede scheint gedanklich einiges durchzuspielen, klären zu wollen - das wäre noch der Sprechakt DARSTELLUNG. Dem Anschein nach werden die Hörer also noch als Mitdenkende ernst genommen. - Letztlich - indirekt und dann direkt - reduziert sich die Funktion der Rede auf den Appellcharakter: 'ich (Goebbels) sage euch, was Ihr zu tun habt'. Die vorgegaukelte Symmetrie und Gleichberechtigung der Kommunikationspartner ist weggeblasen, es herrscht Einbahnkommunikation. Vgl. 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte.
  8. ...

3.2 Christopher Caudwell

vgl. sein Buch "Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit", München 1971. Auszug:

"Weil eure Freiheit nur in einem Teil der Gesell-
schaft wurzelt, ist sie unvollständig. Alles
Bewusstsein wird von der Gesellschaft mitgeprägt.
Aber weil ihr davon nicht wisst, bildet ihr euch
ein, ihr wäret frei. Diese so stolz zur Schau
getragene Illusion ist das Zeichen eurer Sklaverei.
Ihr hofft, das Denken vom Leben abzusondern und
damit einen Teil der menschlichen Freiheit zu
bewahren. Freiheit ist jedoch keine Substanz zum
Aufbewahren, sondern eine im aktiven Kampf mit den
konkreten Problemen geschaffene Kraft. Es gibt
keine neutrale Kunstwelt, ihr müsst wählen zwischen
Kunst, die sich ihrer nicht bewusst und unfrei und
unwahr ist, und Kunst, die ihre Bedingungen kennt
und ausdrückt. Wir werden nicht aufhören, den
bürgerlichen Inhalt eurer Kunst zu kritisieren.
Wir stellen die einfache Forderung an euch, das
Leben mit der Kunst in Einklang zu bringen.
Wir verlangen, dass ihr wirklich in der neuen
Welt lebt und eure Seele nicht in der Vergan-
genheit zurücklässt (!). Ihr seid noch gespal-
ten, so lange ihr es nicht lassen könnt, abge-
nutzte Kategorien anderer proletarischer Be-
reiche mechanisch zu übernehmen. Ihr müsst den 
schwierigen schöpferischen Weg gehen, die
Gesetze und die Technik der Kunst neu gestalten,
sodass sie die entstehende Welt ausdrückt und
ein Teil ihrer Verwirklichung ist. Dann wer-
den wir sagen ... "

Beobachtungen:

  1. Flut von Abstrakta.
  2. Polarisierungen: "Ihr" gegen "ich/wir"; "Altes" vs. "neue Welt"; "Leben" vs. Kunst"; "Sklaverei" vs. "Freiheit"
  3. Häufige Anschuldigungen an die Adresse der Textleser ("bildet ihr euch ein" ...)
  4. Banalitäten, z.B. "Freiheit ist jedoch keine Substanz zum Aufbewahren" - wem muss das erst noch vorgehalten werden?
  5. Handlungsaufforderungen (mehrfach "ihr müsst", "Forderung") - mit Selbstwiderspruch: die Freiheit der Angesprochenen wird damit eingeschränkt
  6. (Psycho-)logische Unverträglichkeiten: es sei eine "einfache Forderung", Leben und Kunst in Einklang zu bringen. Vermutlich: nichts schwieriger als das. - "Freiheit" sei eine "geschaffene Kraft" - geschaffen von wem? Allein schon durch Willenskraft, sich konkreten Problemen zu stellen? Diese Aussage halte man einem depressiv Veranlagten entgegen!
  7. ...

Fazit einer genaueren Analyse: Der Text ist unausgegoren. - Zwei Zusatzinformationen:

Caudwell hat sich im Spanischen Bürgerkrieg gegen
Franco engagiert und starb im Alter von 30 Jahren.
Das könnte erklären, dass der Text zwar logisch-kommu-
nikativ unausgegoren ist, aber von einem heftigen,
idealistischen Veränderungswillen zeugt.
Der Komponist H. Lachenmann hat den Text vertont.
Nach Aussagen zweier ZuhörerInnen ist von der Ver-
stehbarkeit des Textes dabei nichts übriggeblieben.
Aber der Furor, der für neue Wahrnehmungsformen
kämpft, kam im "Salut für Caudwell" offenbar gut
zum Ausdruck. Der Text mit seiner Logik im Wortsinn
wäre dann zwar getilgt, die Intention jedoch über-
zeugend übernommen. 

3.3 A. Hitlers "Mein Kampf"

... ist mit Beginn 2016 wieder zugänglich, gespickt mit tausenden informierenden Anmerkungen. Folgender Kommentar ist keine 'grammatisch-detaillierte Textbeschreibung', sondern primär eine Wertung des Werks, verbunden mit einer politischen Einschätzung seines 70-jährigen Verbots: Vgl. [20]

4. "Weisheit"

Wohl zu allen Zeiten gibt es Autoren, die sich berufen fühlen, der Gesellschaft und dem Einzelnen zu sagen, in welcher Weise das Leben gestaltet werden soll. Da jeder allergisch auf direkte Appelle, ja Befehle, reagiert, müssen solche Lebensregeln poetisch und/oder religiös verpackt und dargelegt werden. Es wird also die Ebene der indirekten Bedeutung bemüht. - Es ist eine sinnvolle Übung, diese Mechanismen sich an einzelnen Beispielen zu erarbeiten und dadurch bewusst zu machen.

4.1 Altägyptisch: AMENEMOPE

Text: [21] - zur weiteren Information vgl. wikipedia. 'Freiwillig' würde heute niemand einen solchen Text lesen. Aber für die aufzudeckenden Sprachmechanismen spielt das Alter keine Rolle, auch nicht die Fremdartigkeit der poetischen Bilder. - Man muss auch nicht den ganzen Text bearbeiten, sondern kann Teile herausgreifen. Stilistisch - so unser Eindruck - ist der Text weitgehend homogen.

  • [22] - nun auf Text- und Bildebene kann man zusammenstellen, wodurch Wertungen geboten werden: Hinweise auf "gut" bzw. "schlecht"
  • [23] - Was sind auf der Ebene der Wortbedeutung die Sprechakte - DARSTELLUNG (nüchtern beschriebene Sachverhalte) - AUSLÖSUNG (APPELL) - KUNDGABE (eines in der aktuellen Gegenwart für das Ich geltenden Gefühls). - Und dann die Zusatzfrage: Gibt es auf der Ebene der gemeinten Bedeutung Verschiebungen? So dass z.B. die semantische DARSTELLUNG des Wirkens von Krokodilen pragmatisch ein APPELL ist, bestimmte Handlungen zu unterlassen?
  • [24] - vielfältig und mit Unterpunkten einschlägig, da ja doch viele Bilder eingesetzt werden.
  • [25] Redeschmuck, Verschiebungen - dito
  • [26] - im Wortsinn verweist der Text immer wieder auf das Walten der Götter. Die pragmatisch-kritische Rückfrage kann verschiedene Aspekte behandeln: (a) Woher weiß der Autor über das Wirken der Götter Bescheid? Gibt er irgendwo einen Hinweis auf die Quelle seines Wissens? (b) Man sollte beachten, welche Funktion diese Rückgriffe auf die Götter an der aktuellen Textstelle haben? Soll also mit Hilfe der "Götter" dem Textleser gedroht werden? Soll allfällige Kritik von vornherein abgeschmettert werden? usw.
  • [27] - nicht nur Götter, auch Vertreter der Tierwelt und ... werden nicht als eigenständige Objekte im Text genannt, sondern erfüllen eine Funktion bezüglich dessen, was der Autor dem Leser übermitteln will. Welche?
  • [28] - die Betonung der "Existenz" schließt den Verweis auf "Nicht-Existenz" ein. Letzterer eignet sich besonders gut für "Drohungen" - auf indirekter Ebene. - In diesem Zusammenhang ist es besonders ergiebig, einmal zusammenzutragen, in welch vielfältigen Formen - direkt oder indirekt - im Text Negationen ausgedrückt werden (eben auch in bildhafter, indirekter Form). Wenn man eine Liste beisammen hat, kann man eine Textpassage (z.B. 1 Seite) damit markieren und wird merken: der Text ist von Negationen durchzogen, die man aber beim ersten Wahrnehmen nur selten als solche wahrnimmt, sondern allenfalls unterschwellig.

4.2 Heinrich Heine

Text: [29] - Auch in diesem Text kommen mythische Größen wie "Gott" und "Hölle/Tartarus" vor. - Aber die Aussage ist eine gänzlich andere. Auch eine Art von 'Lebensweisheit', mit Humor. Und in welchem Gesamtsinn?

4.3 H. M. Enzensberger

Vielleicht sollte man es ohne bestimmte Typen von "Weisheit" versuchen: [30]


5. Alttestamentliche Sprache

5.1 Urgeschichte

Unter Garantie war in der sog. "Urgeschichte" keiner von uns Erdenbürgern in der Weise präsent, dass er Gottes Wirken hätte protokollieren können. Die Bedeutung <<GOTT>> selbst verlangt ja schon nach einer Auflösung der Abstraktion, vgl. [31] und [32]. Genauso die beschriebenen Orte und Zeiten entziehen sich unserem Alltagsverstand. - Genügend Störungen, Anlässe, über die Wortbedeutung hinauszugehen und nach der gemeinten Bedeutung zu suchen, in der dann die genannten Elemente der Wortbedeutung nicht mehr vorkommen. Vgl. [33].

Wer will, kann sich am sog. 2. Schöpfungsbericht[34] oder an der Sintflutgeschichte versuchen - [35].

5.2 Turmbau zu Babel

in mehreren textlichen Variationen (Übersetzung: H. Schweizer).

  • der Text, wie er in der Bibel steht, nur auch noch in Äußerungseinheiten unterteilt:[36]
  • zusätzlich kenntlich gemacht (farbiger Kasten am Schluss), welcher Teil von einem späteren Redaktor stammt. Da kann man sich fragen, welches Interesse ihn leitete: [37]
  • Der Text sozusagen im biblischen "Normalzustand", d.h. nur mit Versangaben: [38] - für die, die selbst sich an "Äußerungseinheiten" versuchen wollen (vgl. [39]).

5.3 Isaaks Opferung

Nachfolgend einige Folien, die Folgendes voraussetzen bzw. versuchen/anstreben:

  1. Der Text von Gen 22 ist in Äußerungseinheiten gegliedert - vgl. [40] - und zusätzlich von einer allgemein als sekundär anerkannten Passage befreit - solche Fragen werden in 0.11 Nicht behandelt, aber möglich: Textgeschichte angesprochen, aber ausgeklammert. Folglich kann man unterstellen, dass die gebotene Textversion den ursprünglichen Bestand des Textes bietet.
  2. Die Ebene der Semantik, also der Wortbedeutung, wird nicht thematisiert - vgl.4.02 Bedeutung / SEMANTIK mit vielen Unterpunkten. Das Verstehen und Analysieren des Textes auf dieser Stufe wird vorausgesetzt. Allzu große Probleme dabei gibt es nicht.
  3. In der Pragmatik werden all die Anlässe, Verschiebungen - 'wörtlich -> gemeint' - anzunehmen, ebenfalls nicht thematisiert - vgl. [41] und Unterpunkte. Für die bislang genannten Fragen kann man zu Rate ziehen: H. Schweizer, Fantastische "Opferung Isaaks". Textanalyse in Theorie und Praxis. Lengerich 2006.
  4. Was versucht wird, steht am Ende der Pragmatik: Der Text soll in Etappen in eine qualitative Formel übersetzt werden. Die Idee stammt von Goethe. Die zentrale Frage: Was will der im Wortsinn aufwühlende und verstörende Text eigentlich sagen? Um die Frage zu beantworten, müssen alle Elemente der anschaulichen Wortbedeutung dekonstruiert, also ausgeschlossen werden. Ersetzt werden sie durch zweifellos blasse, oft mit Abstrakta hantierende Aussagen. Aber nur so kann das Überwinden der Wortbedeutung sichtbar gemacht werden.

Das Vorgehen ist eine gedankliche Hilfskonstruktion, die dem besseren Verstehen soll. Keineswegs soll jene Formel den anschaulichen, dramatischen Ursprungstext in irgendeiner Weise ersetzen!

Vgl. [42]

Wenn das Ergebnis einigermaßen plausibel und akzeptabel erscheint, ist der Weg frei, diesen Ertrag mit dem ähnlich erarbeiteten Ertrag ganz anderer Texte zu vergleichen. Diese sind dann bezüglich ihrer imaginativen Welt völlig anders. Es kann aber sein, dass sie in Teilen oder ganz sehr wohl gleiche Komponenten jener qualitativen Formel umsetzen.

5.4 Referenzwerk: Josefsgeschichte

Vgl. [43] - Erläuternd sei nur genannt, dass die "Alternativ-Grammatik" in Idee, Begrifflichkeit und praktischer Durchführung sozusagen ein 'Neben- und Folgeprodukt' unserer Analyse der Josefsgeschichte auf wissenschaftlicher Schiene ist. Zwischen "Wissenschaft" und "Schule" wissen wir sehr wohl zu trennen. Aber keine Frage: Es gibt auch Brücken, z.B. kristallisiert in manchen Kurzversionen bei den links.

Den Boden für diesen Transfer sollte auch schon das Buch
   H. Schweizer, Krach oder Grammatik? Streitschrift für einen
   revidierten Sprachunterricht. Kritik und Vorschläge.
   Frankfurt/M 2008
bereiten.

Für das Ziel "Literarische Werke - grammatisch analysiert" liegt somit im wissenschaftlichen Hintergrund eine extrem detaillierte und schlüssige Analyse der Erzählung vor, wie es zuvor noch nie jemand angedacht, geschweige denn durchgeführt hatte. Und der Eindruck hatte sich im Lauf der Arbeit verfestigt: die sorgfältige Textwahrnehmung führte durch schrittweise Bündelung, Aufstieg zu immer größeren Textpartien letztlich zu einer überzeugenden Gesamtinterpretation der Erzählung - nicht nur literarisch, sondern auch unter Einbeziehung der anzunehmenden gesellschaftlichen Situation, also kommunikativ.

Diese Erfahrung ermutigte, sozusagen 'abgespeckt' dieses Sprach- und Textverständnis auch für die Schulebene aufzubereiten und zugänglich zu machen.

6. Journalismus

6.1 BILD

Anlässlich des 60. Geburtstages von BILD erschien in SWP (23.6.2012) von G. Hartwig ein Artikel. Der wird hier zum Ausgangspunkt genommen, um die sprachliche Strategie der Zeitung mit Rubriken der "Alternativ-Grammatik" zu verbinden. Es geht also nicht um ein literarisches Werk, sondern um die redaktionelle Orientierung eines Blattes. Folgende Liste kann/soll erweitert werden.

  1. BILD spitzt zu - was heißt das? - Doch wohl, dass Sachverhalte, die eher unklar und unentschieden sind, auf ein klares ja vs. nein, gut vs. schlecht, unterstützens- vs. verdammenswert getrimmt werden. "Binäres Denken" nennt man das, es gibt nur Plus oder Minus. Vgl. [44] Abwägungen, Differenzierungen würden nur stören. Für Leser heißt das: die Anstrengung des Nachdenkens entfällt. BILD hat ja schon für Klarheit gesorgt. Daraus resultiert Handlungsinitiative. Man drängt zur Tat. - Vorschnell allerdings in vielen Fällen, da BILD zuvor vereinfacht hatte.
  2. Das "binäre Denken" hat klare und deutliche Wertungen im Gefolge, vgl. [45]. Die Redaktion positioniert sich natürlich als Sprachrohr der Käufermassen auf der "guten" Seite. Die Käufer sehen ihre Ideale zum Ausdruck gebracht. - Entsprechend prägnant sind Redaktion/Käufer disponiert für heftige negative Wertungen, Verdammungen, den Aufbau negativer Projektionsfiguren, vgl. [46]. - BILD liefert ein Idealisierungsangebot einerseits und klare Gegner andererseits. Anders gesagt: BILD wiegelt auf. Insofern stimmt der Begriff im Artikel: BILD ist ein "populistischer Parteiersatz". Nicht die Klärung von Sachverhalten hat Priorität, sondern der Appell, die angebotene Frontstellung zu übernehmen, vgl. [47]. Eine "Frontstellung", also Grenzen und Gegner, braucht man, wenn die eigene Klientel als Gruppe zusammengehalten werden soll.
  3. Mit den Polarisierungen hängt das Interesse an "Krawall oder der Kriminalstory" zusammen, im Gegenzug das an "Recht und Ordnung". "1968 erwarb sich Axel Springers Sturmgeschütz (!) den Ruf eines rechtkonservativen Kampf- und Kampagneninstruments gegen alles, was im Verdacht stand, politisch links oder gar kommunistisch angehaucht zu sein".
  4. Wo zunächst die Realität sich dem polarisierenden Denken nicht fügt, wird sie durch Manipulation angepasst. BILD lieferte schon genügend Beispiele, wo Personen - z.B. Politiker - entweder als "gut", d.h. als Strahlemann, hochgeschrieben werden sollten. Oder im Gegenteil: andere Figuren sollten unbedingt per Kampagne als "schlecht" gebrandmarkt werden. - Nicht immer funktionierte diese Medienstrategie, bei der an die Stelle von Berichterstattung "dessen, was ist", das Lancieren frei konstruierter Jubel- bzw. Skandalmeldungen trat.
  5. BILD stand immer schon für "kurze Sätze" - das Stilmerkmal ist inzwischen auch von anderen Presseorganen übernommen. Vorteil "kurzer Sätze": leichte Überschaubarkeit, keine intellektuell anspruchsvolle Leseleistung wird erwartet. Die niedrigen Bildungsanforderungen öffnen den Weg zum Massenmarkt, der wiederum die große Marktmacht begründet.
  6. Lust an einfachem, aber verblüffendem und z.B. in den Schlagzeilen riesig herausgestelltem "Übertragenem Sprachgebrauch": "Der Mond ist jetzt ein Ami", "Wir sind Papst". Die Sprachbilder sind sehr einfach gestrickt. Aber ihr Neuheitscharakter war in der jeweiligen Situation sehr groß, damit ihr Provokationspotenzial = ihr Lacherfolg = Werbeeffekt. Der Unterhaltungswert übertraf den Nachrichtenwert, [48].
  7. Die tägliche 'Belieferung' der Leserschaft mit Sexbildern und -stories, Klatsch und Tratsch aus Promi-Kreisen, stimuliert zwar den Bereich der Körperlichkiet - "sex sells" -, Erotik, Fortpflanzung. Die überstarke Betonung dieses Lebensbereichs - inklusive Vitalitätsprotzereien (Autos, Schönheits-OPs, Mode, Kochen usw.) - weckt aber das Missverständnis, der Blick darauf genüge bei der Suche nach einem glücklichen Leben. Es ist volksverdummend, Fragen der Bildung, Verbesserung der Sensibilität, der Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit gleichzeitig auszublenden. "Was nottut" ist damit auf den Kopf gestellt. Per Implikation erst wird bewusst, was alles unterbelichtet bleibt: [49]
  8. Das Verhältnis von Fotomaterial zu Text ist stark in Richtung "Foto" verschoben. Den Lesern wird die Anstrengung einer Auseinandersetzung mit Gedanken in hohem Maß erspart. Zudem wird durch viele Bilder Realitätsnähe suggeriert - auch wo Bilder manipuliert worden waren. Ohne nachdenken zu müssen folgern Leser: "So (= wie BILD es darbietet) ist es!" Sie wurden damit zu Gefolgsleuten gemacht, nicht zu kritischen Zeitgenossen.

Mit diesen Komponenten (die sicher noch erweitert/präzisiert werden können) ist das redaktionelle Konzept von BILD in sich sicher stimmig. Als Kontrast zu elitär-sterilen, breite Bevölkerungsschichten ausgrenzenden Bildungsblättern hatte es sogar seine Berechtigung, seine Nonchalance konnte belebend wirken. Die Tendenz als ganzes jedoch führt zum Gegenteil dessen, was eine demokratische Öffentlichkeit braucht: einen auf seinen schwachen Bildungsgrad zusätzlich noch festgenagelten Bürger.

7. Poesie

7.1 Friedrich Schiller: AN DIE FREUDE

Den Text findet man im Internet häufig abgedruckt, auch in seiner musikalischen Weiterverarbeitung durch Beethoven besprochen (der das Gedicht nur in Auswahl vertonte). Ganz dünn gesät sind Hinweise zur Interpretation. Allenfalls solche zum Entstehungsanlass trifft man an. Einmal die Frage, ob es sich nicht um einen Ideologieschrott handele, der heutzutage, nach dem Zusammenbruch diverser Ideologien, überholt sei. Wir kommen darauf zurück.

Wir demonstrieren in 3 Stufen, wie man im Sinn der Alternativ-Grammatik den Text bearbeiten kann.

1. Wortbedeutung = gegebener Text

Hierunter wird zunächst nichts als der gegebene Text verstanden. Den kann man lesen, im Wortsinn verstehen. Vielleicht muss man das eine oder andere Wort nachschlagen, weil es aus einer nicht mehr so geläufigen Sprach- und Kulturwelt stammt. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass der Text insgesamt auch heute noch verstehbar ist. [50]

2. Irritationen, Störungen, die eine weitere Analyse erzwingen: Dekonstruktion

Prüfung - wie oben bei uns am Beginn der PRAGMATIK entwickelt -, ob eine Notwendigkeit/Berechtigung besteht, neben der Wort- nach einer übertragenen Bedeutung zu suchen. Nur wenn ausreichend "Irritationen/Störungen" vorliegen, darf/muss man über die Wortbedeutung hinausgehen.

Kriterium ist die Schlüssigkeit im Sinn von Alltagsverstand und üblichen Kommunikationserfahrungen. Schlüssigkeit auch im Sinn von Kohärenzerfahrungen: Ergeben die Einzelaussagen ein nachvollziehbares Gesamtbild des beschriebenen Weltausschnitts?

Wer mit solch einfachen Fragen an einen ehrwürdigen Text herangeht, handelt sich schnell den Vorwurf ein, respektlos mit dem Text umzugehen - wenn er eben einige Indizien im Sinn von "Irritationen/Störungen" findet. Es geht aber nicht um Respekt/Nicht-Respekt, sondern darum herauszufinden, was der vorliegende Text sagen will.

Beim Gedicht "An die Freude" jedenfalls gibt es ungemein viele "Irritationen/Störungen". Die Liste - vgl. [51] - ist sicher nicht vollständig, kann/darf durch eigene Beobachtungen komplettiert werden.

Würde man derartige Indizien - und dann noch in dieser Fülle - beiseite lassen, würde man sich selbst auf die Stufe von Naivität und Denkverzicht festlegen. Das kann nicht Sinn grammatisch-literarischer Arbeit sein - zumal dann das, was der Text eigentlich sagen will, unerkannt bleibt.

Die Stichwörter all der kritischen Rückfragen können von solchen, die mit der Struktur und den Einzelmodulen der 'Alternativ-Grammatik' vertraut sind, zweifellos zurückgeführt werden auf die jeweils passenden Grammatikabschnitte.

3. Grundzüge der "Übertragenen Bedeutung"

Die qualitativen Thesen/Erkenntnisse finden sich im pdf-Text.[52]. - Flankierend sei quantitativ betont, dass vor Durchführung der Analyse nicht erwartet worden war, dass derart viele kritische Rückfragen anfallen würden. Vielleicht wirkte dabei auch die 'Falle' mit, wonach man einem Text eines bedeutenden Dichters, einem Text, der gern bei feierlichen Anlässen verwendet wird, zudem noch geadelt durch den Musiker Beethoven nicht ein derart hohes Maß an Inkonsistenz und bisweilen gedanklicher Verrücktheit zubilligte. Der bewusst und Schritt für Schritt durchgeführte Schritt 2: DEKONSTRUKTION öffnete erst die Augen und damit den Zwang, gefälligst und unprätentiös nach der "übertragenen Bedeutung" zu suchen, abseits aller klischeehaften Feierlichkeit.

Fazit: Ein mit poetischen Techniken, gedanklicher Raffinesse, Humor übermütig aufgeplustertes Trinklied. Man muss zusätzlich schmunzeln, wenn man sieht, dass dieses Lied heutzutage bei feierlichen Anlässen als "Europa-Hymne" dient. Oder anders: Jeder martialische, aggressive, separatistische Tonfall fehlt (weitgehend - es werden ja - inkonsequent - durchaus welche vom Fest ausgeschlossen) - was ein Hoffnungszeichen ist. Dafür sorgen u.a. die mehrfach erwähnten "Millionen". Eine solche Öffnung, 'Weltumarmung' fällt besonders leicht, wenn Fest/Alkohol im Spiel sind. Es ist Knochenarbeit der Politik, diesen spielerischen Impuls in konsistente politische Strukturen zu übersetzen.

8. Cervantes, Don Quichote

8.1 Kapitel 1 - Fragestellung des WISSENS

Als wichtiges Modalfeld war in der SEMANTIK schon das "Register EPISTEMOLOGIE" vorgestellt worden: [53]. Dieses Begriffsensemble kann man auch pragmatisch einsetzen - und wird feststellen, dass Kapitel 1 des Romans in hohem Maß und in sehr verschiedenen Formen darum kreist, wer wie wovon weiß - oder eben nicht. Auf den Romantext wird via Äußerungseinheiten verwiesen.

9. Märchen

Man sagt ja immer schon, dass in Märchen Lebensweisheiten/Erfahrungen, die verallgemeinert werden können, in Form einer Erzählung begegnen. Dadurch sind die verpackten Weisheiten anschaulicher, ansprechender - und sie erreichen die Hörer besser in seelischen Tiefenschichten als knappe abstrakte Sentenzen.

Aus Sicht der Alternativ-Grammatik: Eine anschauliche Erzählung nach der zugrundeliegenden Weisheit zu befragen - das passt zur Betrachtung zunächst nur der Wortbedeutung = SEMANTIK, und dann dem Überwechseln zur gemeinten Bedeutung = PRAGMATIK. Das wird meist als so selbstverständlich angesehen, dass das Scharnier zwischen beiden übergangen wird. Didaktisch sollten also die Anlässe, Störungen, damit die Berechtigungen, nach einer zweiten Bedeutung zu suchen, regelrecht geübt werden. Dann verliert 'Interpretation' den Charakter des Willkürlichen, vielleicht Genialen, aber Nicht-Kontrollierbaren.

9.1 "Des Kaisers neue Kleider"

von Hans Christian Andersen, vgl. [56]. Was dazu bei wikipedia steht, kann übernommen werden:

"Die Erzählung wird gelegentlich als Beispiel angeführt,
um Leichtgläubigkeit und die unkritische Akzeptanz
angeblicher Autoritäten und Exporten zu kritisieren ...
Aus Furcht um seine Stellung und seinen Ruf spricht
wider besseres Wissen niemand, nicht einmal der
treueste Minister des Kaisers, die offensichtliche
Wahrheit aus; vor die Entscheidung 'Ansehen und
Wohlstand oder Wahrheit' gestellt, entscheidet
man sich letztlich gegen die Wahrheit und für die
materiellen und ökonomischen Vorteile."

Die Interpretation ist sicher richtig. Es stört nur das gelegentlich. Das Adverb bringt den Eindruck von Beliebigkeit ins Spiel, scheint anzudeuten: eigentlich ginge es auch ganz anders. Ist der Schreiber selbst nicht überzeugt? - Also, was gilt denn nun methodisch? - Man kann versuchen, einige Schritte der Alternativ-Grammatik zu benennen, die bei der Interpretation dieses Textes im Spiel sind.

- Im Wortsinn kann man dem Text problemlos folgen,
  könnte ihn auf der Ebene SEMANTIK als ausführlich
  analysieren. Jede Äußerungseinheit nach den
  in [57] (und vielen Unterpunkten) vorgesehenen
  Kategorien.
- Die kritische Nachfrage bei der PRAGMATIK - 
  vgl. [58]
  [59]  
  [60]
  [61] -
  und vielen weiteren Unterpunkten würde
  großen Revisionsbedarf ergeben. - Insgesamt
  eine große Aufforderung zur Dekonstruktion.
- Beispiele: "ein Kaiser" - welcher bitte? Wo und
  wann lebte er? "große Stadt" - welche?  Kleider, die
  unsichtbar sein werden - Paradox. - Anhand von
  Kleidern die Amtstauglichkeit von Beamten
  überprüfen? -  Vorgetäuschtes Weben: einfache
  Wahrnehmung der Umstehenden ist blockiert = 
  Paradox. - Der alte Minister sieht an sich
  richtig - nämlich nichts, wird aber beschwatzt,
  so dass er der eigenen Wahrnehmung nicht traut
  und das Gegenteil behauptet. Alles dreht sich
  um ein "ganz besonders prächtiges und hübsches
  Zeug" - das allerdings gar nicht da war. Damit
  ziehen die Betrüger Geld aus der Staatskasse.
  Ehrungen erhalten sie (Ritterkreuz, Titel
  Hofweber). Ein Kind ist es, das dem Volk die
  Augen öffnet - aber der Kaiser hielt eisern
  durch - inzwischen gegen seine Überzeugung.
  Aber er wollte konsequent sein.
- Die Wortbedeutung enthält so viele
  Störungen, Unmöglichkeiten, offenkundig
  konstruierte widersinnige Szenen, dass
  daraus für den Gesamttext zu folgern ist:
  er muss komplett zerstört werden: vgl.
  [62] - Wichtig dort der 
  Hinweis, dass die Wortbedeutung "ohne Reste"
  abgebaut werden muss.
- Damit ist der Weg frei für die Erkenntnis, dass
  das Märchen ein Verhaltensmuster anspricht und
  humorvoll, deftig kritisiert: Lächerlich macht
  sich, wer den eigenen Augenschein verdrängt:
  auf pragmatischer Ebene:
  [63], sich dagegen 
  Nicht-Fakten aufschwatzen lässt:
  [64] und dies auch noch mit
  viel Emphase, lautschreierisch vollzieht 
  [65], mit Öffentlichkeitsrummel
  propagiert; und das ganze irrsinige Verhalten
  wird mit viel Geld und Ehrenbezeigungen,
  Riten gefeiert [66].
- Das "Kind" der Wortbedeutung steht für eine
  epistemologische Nadel, die den  hype =
  Luftballon platzen lässt.

Für ein derartiges Brimborium ließen sich Beispiele aus Politik, Wirtschaft/Werbung - auch aus der Wissenschaft anführen.

9.2 "Der Schmidt und der Teufel"

Der Text des Grimmschen Märchens wird hier nach der Urfassung von 1812/14 geboten, folglich auch in der damaligen Rechtschreibung und Zeichensetzung - lediglich die Schrifttypen sind aktuell: [67]

Beobachtungs- / Analysevorschläge

     => innere Einstellungen/Vorgänge zusätzlich zu einem
        Verb im Satz (= Modalitäten in der Semantik)
     => äußere Handlungen, die aber Anzeiger für innere
        Einstellungen sind (z.B. Wertungen) (= ab hier: Pragmatik)
     => Personifikationen, Abstrakta, die für Modalitäten
        stehen (meist: Wertungen)
     => sind konkrete Objekte genannt, die im Text aber auch
        Modalfunktion haben? ("Hammer" - kann Bedrohung oder
        Ermöglichung bedeuten)
     => begegnen Stilfiguren? Wofür steht "Höllentor"? Was
        meint "Krautlöwe"?
     => bisweilen kommen an einer Stelle/Figur mehrere
        Wertungen zusammen. 
          - auflisten
          - zueinander in Beziehung setzen (u.U. mit Grafik) 
          - folgern: was kommt über alle Komplikationen letztlich
            heraus?
          - Warum wohl das bisweilen komplizierte Geflecht von
            Wertungen? Was ist die Wirkung auf Leser/Hörer?
     => Wertungen dürften den Hauptanteil der Modalisierungen
        einnehmen vgl. [68]; 
        aber es sind auch weitere Modalfelder im Spiel. Welche?
        Vgl. [69] 
        - genauso semantisch (=direkt) und
          pragmatisch (=indirekt) ausgedrückt.

10. Appell / Didaktik / erhobener Zeigefinger - u.U. satirisch

10.1 "Göttliche Komödie" von Dante Alighieri

Hier zunächst nur der kurze Hinweis, dass Dante lange und breit - v.a. für "Hölle" und "Fegefeuer" - die sauber geordneten "Laster-/Sündenkataloge" der mittelalterlichen Theologie abarbeitet. Eigene Gesänge bekommen "Heuchler", "Verräter", "Selbstmörder" usw. Und für diese Personengruppe wird die Art ihrer Strafe geschildert, wobei die Strafe speziell auf ihr Laster im irdischen Leben abgestimmt ist. Dies penibel und drastisch vorgeführt zu bekommen löst in Hörern/Lesern zweifellos Schadenfreude und Befriedigung aus. Im Grund kann man diesen Effekt auch gewinnen durch das Betrachten von Portalen an gotischen Kathedralen. Nebenbei war der Zweck solcher Darstellungen auch der Appell, verbunden mit Einschüchterung, von solchen Lastern/Sünden abzulassen.

10.2 Teufelsbücher, "Widder den Sauffteuffel"

... waren in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts

verbreitet, v.a. im protestantischen Raum.
"Die zentrale Aufgabe, vor die sich ihre
Verfasser gestellt sahen, war es, im Dienst
des protestantischen Glaubens die mensch-
lichen Schwächen aller Art wie Missstände
im öffentlichen und privaten Leben scharf
zu geißeln. Laster und anstößige Gewohn-
heiten der Zeit werden aus protestantischer
Perspektive angeprangert und bekämpft.
Das Bemühen um die moralische Besserung
führte die Verfasser dazu, im Kampf gegen
das Böse in Anknüpfung an die Narrenli-
teratur dämonische Personifikationen
der Laster und Sünden ihrer Zeit zu
schaffen und sie in lebhaften Farben
und in ihren konkreten Ausprägungen und
Erscheinungsformen vor Augen zu führen.
Der vorgeführte 'Spiegel' ex negativo
soll einen idealen Zustand herbeiführen helfen,
damit ein jeder sein Leben verbessern  möge.
Es handelt sich dabei um eine überwiegend
didaktisch ausgerichtete Literatur, der aber
zerstreuende und unterhaltsame Elemente nicht
fremd waren. Dass die Menschen der Zeit bei
der Lektüre auch Erheiterung und Vergnügen
finden konnten, war bewusst intendiert. ...
Vertreter dieser Gattung sind mit wenigen
Ausnahmen evangelische Theologen und Pfarrer
aus Nord- und Mitteldeutschland, die Luthers
Autorität für sich in Anspruch nahmen und
die ihre Schriften als Kanzel benutzten. Die
Teufelbücher verbreiteten sich seit 1552
mit dem Erscheinen des Sauffteuffels sehr
rasch in ganz Deutschland mit Ausnahme
der katholischen Gebiete ...
(Federica Masiero)
       Also folget nuhn / das alle Menschen bey vermeidung zeitlicher und ewiger
straffe / bey  verlust Leibs und Seel /
       bey verlust ewiger seligkeit / sich vor dem Sauffen zu hueten schuldig sind.

11. Vieldeutigkeit des Werks oder Scheitern der Interpretation?

Das Ergebnis der Interpretationsbemühung kann nach Scheitern aussehen: den Sinn des Werkes hat man nicht gefunden. Andere Interpreten fanden einen anderen Sinn. Welcher gilt nun? - Bei poetisch guten Werken wäre es verfehlt zu meinen, man könne eine Sinnspitze erkennen und so das Gesamtwerk auf den Punkt bringen. Aber häufig kann man eine Haupttendenz und einige flankierende Akzente herausarbeiten.

Was ist aber los, wenn derartiges zur Zufriedenheit = Überzeugung vieler nicht möglich ist? Auch wenn vorausgesetzt werden kann, dass der Interpret sich sorgfältig mit dem Text auseinandergesetzt hatte? - Es bleiben dann immer noch zwei Möglichkeiten:

  • das Interpretationskonzept war mangelhaft gewesen, blendete wichtige Aspekte aus. In einem solchen Fall muss man methodisch nachdenken, die Herangehensweise an den Text ändern.
  • Oder: mithilfe der Textuntersuchung wurde sichtbar, dass das Werk eben nicht auf eine Sinnspitze zusteuert. Das ist ja auch eine denkbare, vom Autor gewollte Aussage. Statt dass am Ende des Werks alle Konflikte gelöst, alle Fragen beantwortet sind, heißt es: "Vorhang zu - und alle Fragen offen".

Im letzteren Fall würde das Werk auf die Standarderwartung reagieren: mir wird ein Thema/Problem vorgestellt (= 'Exposition'), es wird 'durchgeführt' - mit allen möglichen Komplikationen, und am Schluss ist es zur Zufriedenheit aller gelöst, 'abgeschlossen' = perfectum. Es spielen also Implikationen herein, vgl. 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) und - auf später pragmatischer Ebene - nochmals ein Teil des Modalregisters ASPEKTE, vgl. 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE, denn darin wird u.a. besprochen, dass man einen Sachverhalt, eine Handlung, in Teilstadien betrachten kann, u.a. dem Teilstadium des "ABGESCHLOSSEN-SEINs".

Wenn es einem Künstler überzeugend gelingt, bei Hörern/Lesern genau diese Standarderwartung aufzugreifen und zu durchkreuzen, ist das Fehlen einer Sinnspitze kein Defekt des Werks, sondern eine positive Erkenntnis der Beschreibung = eine gültige Charakterisierung des Werks.

11.1 R. Wagners "Ring des Nibelungen"

J. Köhler, Der letzte der Titanen. München 2001. S.409-12 lässt die verschiedenen Deutungsmodelle zum Gesamtwerk des "Rings" (= 4 Opern) Revue passieren. Ist das Werk rassisch/rassistisch zu deuten? Als Aufruf zur Revolution? Anti-kapitalistisch? Warnung vor der Entfremdung von Mensch und Natur? Anti-demokratisch? usw.

(411f) "Da man zu keinem Ergebnis kam, das auf
Dauer befriedigte, verlegte man die Widersprüche
in Wagner selbst. Man entdeckte Brüche in der
Struktur, Ungereimtheiten zwischen den verschie-
denen Fassungen, die mit der langen Entstehungs-
geschichte entschuldigt wurden. Man wies darauf
hin, dass nicht einmal er selbst sich über das
Ende, mithin also die Logik, seines Weltendramas
schlüssig war. Litt das Werk aber unter Unlogik
und inneren Widersprüchen, war die mühsame Suche
nach dem Sinn überflüssig. Wo keine tiefere
Bedeutung drohte, konnte man umso unbeschwerter
aufspielen und die effektvollen Szenerien von
jener Musik illustrieren lassen, die Wagner
dankenswerterweise dazu  komponiert hatte. ...
   Wagner führte die scheinbare Sinnlosigkeit
der Menschheitsgeschichte auf ihre inneren
Widersprüche zurück, wie er die Brüche seines
eigenen Lebens in diesen wieder erkannte.
Er beschrieb die Stufen dieser Entwicklung
in ihrer Unmenschlichkeit des Weltgeschehens,
das auf keiner Stufe Genüge fand und nur über
Vernichtung zum Fortschritt gelangte. Er
bewies auch die Unausweichlichkeit des
Untergangs, des individuellen wie des
kollektiven. Seine Apokalypse fand im Jetzt
statt."

Das kann man mit dem Schlussbild der letzten Oper, der "Götterdämmerung", unterstreichen: nach all den Intrigen, Emotionen, Szenerien, Machtkämpfen, Siegen und Niederlagen überflutet der Rhein alles. Das lässt sich heutzutage suggestiv auf die Bühne projizieren. Das Wasser ist kein aggressiver Tsunami, aber es wird doch ein unwiderstehliches und machtvolles Fließen gezeigt. So unterstreicht es auch die Musik - die bei diesem Bild allmählich verklingt und damit das Gesamtwerk beendet. Das Wasser bedeckt die bisherigen Schauplätze, die "Welt". Im Sinn eines Symbols - vgl. 4.1132 Stilfiguren, "Redeschmuck" - Verschiebungen - ist damit die Zweideutigkeit von <<WASSER>> eingefangen (= Tod + Leben), ebenso das 'Zerfließen' - es gibt keinen definitiven Schlusspunkt. - Darin scheint ein Schlüssel zum Verständnis des Gesamtwerk zu liegen, der auch zum obigen Zitat (zweiter Teil) passt.

Mehr noch: das Gesamtwerk der 4 Opern beginnt musikalisch vergleichbar:

"Der Anfang des 'Rheingold' war der erstaun-
lichste der Musikgeschichte. Die Musik fing
eigentlich nicht an, sondern setzte ein -
gleich einem Naturereignis. Nicht als Musik,
sondern als Ton, der aus dem Nichts entstand.
Unmerklich öffnete sich dabei ein Raum, und
er tönte. Neue Töne traten aus ihm hervor,
wuchsen, ohne auf Widerstand zu stoßen, wie
Pflanzen empor. Ganze Tongruppen erhoben sich
so aus dem Dunkel, als würden die Register
einer Orgel gezogen. Ein klingender Garten Eden
entstand.
    Während die Harmonie dieses Uranfangs
unverändert 136 Takte lang andauerte, lösten
sich immer neue Klanggestalten von ihr ab und
entfalteten sich im Raum. Sehnsüchtig strebten
sie einer Helle entgegen, die nur in ihrer
Ahnung zu bestehen schien." (413)

Überdimensioniert rahmt Wagner das Gesamtwerk somit dynamisch-fientisch - vgl. 4.0613 Prädikat: nicht Handlungen (mit Anfang und Ende, mit Verantwortlichkeiten), sondern unabschließbare Prozesse bestimmen die Weltsicht: ihnen unterliegt der Mensch letztlich - was immer er handelnd bewirkt haben mag. All die Elemente/Figuren der fiktionalen Welt werden weggschwemmt. Aus Teilen der Fiktion - und seien es die vermeintlich wichtigsten - lässt sich der Gesamtsinn nicht bestimmen. All diese Anschaulichkeiten entwickeln sich auf der unsicheren Basis des allgemeinen FLIESSENS - und gehen dabei auch wieder unter. Der Rückgriff nicht auf die Textfiktion, sondern auf die grammatische Grundkategorie - fientisch - hilft entscheidend zum Verständnis.

12. Franz Kafka, Vor dem Gesetz (1914)

Text und Kommentar. Arbeitspapier von J. Germann [70]

13. Karl Marx - Denkverbote und Ideologie

Textbeispiele und Kommentar. Arbeitspapier von J. Germann [71]